Initiative “Stolpersteine in Karben”
Ausstellung 2008: Der Pogrom in Karben
Eröffnung der Ausstellung  am 10. November 2008 im Karbener Bürgerzentrum "Auch wenn sich die Ausstellung ausschließlich mit der Vergangenheit beschäftigt, ist sie dennoch ein Signal für die Zukunft: Für ein tolerantes - und damit auf Dauer friedliches - Miteinander in unserer Gesellschaft". ("Bad Vilbel Online am 19. November 2008) Stadtrat Jochen Schmidt eröffnet die Ausstellung (Vergrößern: Fotos anklicken)           “Frankfurter Neue Presse” Presseberichte vom 13.11.08 Text >Artikel anklicken         “Wetterauer Zeitung”                                                                                          “Frankfurter Rundschau” Weitere Informationen zur Synagoge in Groß-Karben >hier                       Der Novemberpogrom                              war der entscheidende Schritt auf dem Wege zum Holocaust                           (Exponate der Ausstellung) Für das Überlassen zahlreicher historischer Fotos bedanken wir uns bei Herrn Herbert Dietz, Karben (alle nicht besonders gekennzeichneten Bilder auf dieser Website stammen aus seiner Sammlung). Für die freundliche Unterstützung ein Dank an Herrn Dr. Maas, Hessisches Staatsarchiv, Darmstadt, Herrn Dr. Boblenz, Thüringisches Hauptstaatsarchiv, Weimar. Quellenverzeichnis: Monica Kingreen: "Jüdisches Landleben", Cocon Verlag, Harry Stein: "Das Sonderlager im Konzentrationslager Buchenwald nach den Pogromen 1938 (Hg. Monica Kingreen, "Nach der Kristallnacht, Campus Verlag, Helmut Weigand: "Gross-Karben und seine Juden", Karbener Geschichtsverein e.V.   Zeittafel >hier Karben vor und nach dem Pogrom: Bis 1932...  …gab es in Groß-Karben ein friedliches Miteinander zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Ortsbürgern. Man respektierte die unterschiedlichen religiösen Ansichten und lebte einträchtig zusammen. Im Kindergarten kümmerte sich Schwester Christine um kleine Christen und Juden, die auch anschließend zusammen die Schulbank "drückten". Gemeinsam feierte man die Feste im Dorf, wie hier das Feuerwehrfest im Jahr 1929 (Schmuckbogen am Kreuzeck: Ecke Heldenberger Straße / Bahnhofstraße). Miteinander sang man im Männergesangverein „Frohsinn“. Max Strauss, Wilhelmstraße7, war Gründungsmitglied dieses Gesangsvereins. Sein Sohn Manfred und „Sigges“ Strauss (Bahnhofstraße 9) spielten bei den „1920ern" (Sportverein). Nach 1932...                                                      ...als eine Ortsgruppe der National-Sozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei (NSDAP) sowie ein SA-Sturm gegründet wurden und am 26.2.1933 auch noch Bürgermeister ein Parteimitglied der NSDAP (Heinrich Flach, geb. 11.1.01) wurde, nahm das friedliche Zusammenleben ein jähes Ende, Freundschaften zerbrachen – oft aus Angst. Aus den Freunden von einst wurden „Blutsauger des Volkes, Betrüger, volks- und rassenfremde Elemente“… Vor den jüdischen Geschäften zogen uniformierte SA-Posten auf, was  nach und nach zum Zusammenbruch des jüdischen Geschäftslebens führte. Bereits im März 1933 (!) wurde Salli Braun, Burg-Gräfenröder Straße 20, er war Gemeinderatsmitglied der SPD, in „Schutzhaft“ genommen und für vier Wochen in das KZ Osthofen verschleppt, wo Demütigungen und Misshandlungen zum Tagesablauf gehörten. 1934 erfolgte (zusammen mit Julius Ross, Bahnhofstraße 20) eine erneute Verhaftung und Verschleppung in das KZ Osthofen. Bei Isidor Kulb wurde eine Sprengladung in die Dachkendel gelegt und gezündet, so dass diese auseinander flogen. Der Viehhändler Seppel Junker, Heldenberger Straße 1, wurde am Bahnhof Groß Karben von johlenden SA-Leuten empfangen und über den Steg am Selzerbrunnen bis zu seiner Wohnung in der Heldenberger Straße regelrecht heimgeprügelt… 10. November in Groß-Karben  Die folgende Darstellung der Ausschreitungen (einschließlich der nicht besonders gekennzeichneten Zitate) basiert auf Vernehmungsprotokollen sowie Aussagen im Prozess vor der Strafkammer I des Landgerichts Gießen am 22.Januar 1949 wegen Landfriedensbruchs (Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, H 13 Gießen/498) Wie in den meisten  Orten Deutschlands, kam es am 10. November 1938 auch in Groß-Karben zu schweren Ausschreitungen. Jüdische Familienväter wurden festgenommen und anschließend ihre Wohnungen und Geschäfte verwüstet. Die Viehscheune Ecke Heldenberger Straße/Bahnhofstraße (schräg gegenüber vom Schloss) und die Synagoge brannten am Abend nieder. Zitat:„…ich ging zur Wirtschaft (…), was damals das Parteilokal der NSDAP war. Dort wurde die Angelegenheit betr. des Pogroms besprochen…“ Gegen 14 Uhr erhielt der damalige Bürgermeister vom Landratsamt Friedberg die Anweisung, alle männlichen Juden eines bestimmten Alters festzunehmen, was er dann auch zusammen mit der örtlichen Gendarmerie ausführte. Die in „Schutzhaft“ genommenen Männer wurden in das Degenfeldsche Schloss gebracht und dort im so genannten Obdachlosenasyl (gegenüber der Bürgermeisterei) eingesperrt. Sofort, nachdem die jüdischen Familienväter in „Schutzhaft“ waren, begab sich der Bürgermeister mit 10 bis 12 SA- Männern und Parteimitgliedern zum Haus der Familie Hugo Junker in der Bahnhofstraße 34. Mehrere Männer drangen hier in das Haus ein und zerstörten den – damals schon geschlossenen – Kolonialwarenladen und die Wohnung. Zitat: „…Als der erste Jude in „Schutzhaft“ war, ging ich dann noch mit anderen Personen in das Haus des betreffenden Juden hinein…“ Zitat: „…wir demolierten den Laden und die Wohnung des Hugo Junker…“ Die Fensterläden wurden abgerissen, Lebensmittel, Wäsche, Möbelstücke (u.a. ein Nachttischchen) auf die Straße geworfen. Zitat: „… habe ein Glas mit Bonbon genommen und warf es auf die Straße…“ Anschließend zog die inzwischen recht groß gewordene Menschenmenge weiter die Bahnhofstraße hinauf (in Richtung Heldenberger Straße) zu den anderen jüdischen Familien. Zitat: „…vor dem Haus rottete sich eine ständig anwachsende Menschenmenge zusammen, die zumeist aus Neugierigen von Groß-Karben und Umgebung bestand, von denen einzelne sich dann aber auch an den Ausschreitungen beteiligten…“ Hier randalierte die Horde in gleicher Weise, Einrichtungsgegenstände und sonstiges Eigentum wurden zerstört. Zitat: „…im Nachbarhaus bei Max Strauss  flogen die Schuhe auf die Straße und jeder hat sich davon genommen…“ Zitat: „...bin ich auf die Straße gegangen und sah nur noch, wie aus dem Fenster des Hauses Ross eine Nähmaschine aus dem Fenster geworfen wurde… Zitat: „…bei dem Keller der Frau Rosenthal war ich aktiv beteiligt. Ich habe mit einigen anderen Personen die Eier zertrümmert darin…“ Zitat: „…ein Stück Möbel auf den Kopf geschlagen, so dass sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste…“ Die jüdischen Familien in Groß-Karben, Männer, Frauen und Kinder, wurden in Angst und Schrecken versetzt. (…) Männer in Zivilkleidung, teilweise auch in SA-Uniform, waren in Groß-Karben in das Haus Bahnhofstraße 34 eingedrungen, (…) hatten den Mann unter Schlägen fortgeschafft und begannen, das gesamte Mobiliar zu zerstören und auf die Straße und in den Hof zu werfen. (…) Bella Vogt ahnte, was ihr bevorstand. Konnte sie hoffen, dass man sie verschonte, weil ihr Mann, der Reichsbahnbeamte Karl Vogt, kein Jude war? Oder werden diese Horden auch bei ihr und ihrem Onkel Isidor Kahn* alles zerstören? * Isidor Kahn wohnte im gleichen Haus und wurde vier Jahre später, am 15. November1942, im Alter von 81 Jahren in das Ghetto Theresienstadt verschleppt, wo er vier Wochen später starb. (…) Wir verrammelten Tür und Tor, aber was würde das nützen? Die Spannung und die Aufregung war furchtbar. Draußen vor dem Hof standen sie schon. Dann zogen sie plötzlich ab… (Aus „Frankfurter Neue Presse“ vom 9.11.1988) (...) Dann plünderte die SA systematisch, bei Hugo Junker beginnend, alle jüdischen Häuser, raubte Wertsachen und zerstörte das Inventar. Möbel, Uhren, Nähmaschinen wurden auf die Straße geworfen, das Kristall wohlhabender Juden mit SA-Stiefeln zertreten, die Betten aufgeschnitten und die Federn vom 1. Stock der Häuser aus auf das Pflaster geschüttelt. Die SA-Leute nannten das „Frau-Holle-spielen“! (...) (Aus: Helmut Heide: „Zur Geschichte der Groß-Karbener Juden“, erschienen in „Karben – Geschichte und Gegenwart“, Magistrat der Stadt Karben) Zerstört und randaliert wurde in den Wohnungen der Familie Hugo Junker (Bahnhofstraße 34), Familie Julius Ross (Bahnhofstraße 24), Witwe Grünebaum (Bahnhofstraße 20), Geschwister Grünebaum (Parkstraße 1), Witwe Selma Goldstein (Burg-Gräfenrode Straße 1), Familie Junker (Heldenberger Straße 1), Familie Rosenthal (Heldenberger Straße 3), Familie Kulb (Heldenberger Straße 14), Familie Moritz Roß (Wilhelmstraße 3), Familie Strauss (Wilhelmstraße 7) und Familie Hirsch (Wilhelmstraße 16). In der Heldenberger Straße 3, bei Rosa Rosenthal, hatten auch ihre Schwägerin Bella Junker mit ihrer 12-jährigen Tochter Ruth und ihrem 83-jährigen Vater Schutz gesucht, nachdem man ihren Mann Josef (Seppel) Junker verhaftet und in das „Obdachlosenasyl“ gebracht hatte. Der Mann von Rosa Rosenthal war morgens nach Frankfurt gefahren und kam nicht nach Hause… Abschrift eines Vermerks der Grosshessischen Gendarmerie,Kreiskommissariat Friedberg,Kriminaldienststelle: (Quelle: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (H 13 Gießen/498 Bd.1) Gross-Karben, den 15.7.1946 Auf der Bürgermeisterei zu Gross-Karben erscheint die Wwe. Rosa Rosenthal, geb. 23.6.1878 zu Gross-Karben, jetzt wohnhaft in Frankfurt (Main), Gagernstr. 36, und gibt folgendes an, zur Wahrheit ermahnt: Ich wohnte damals im Jahre 1938 in Gross-Karben, Heldenbergerstraße 3. In meinem Hause wohnte noch mein Mann, der jetzt aus Theresienstadt nicht mehr zurückgekehrt ist. Am 9.11.38 *) fuhr mein Mann in der Frühe nach Frankfurt und kam erst nach fünf Wochen zurück, da er verhaftet worden war und nach Buchenwald verbracht wurde. Ich selbst war am 9.11.38 *) im Hause. So gegen 17.00 Uhr, es kann auch etwas früher gewesen sein, so genau weiss ich nicht mehr die Zeit, kamen mehrere SA-Männer, worunter sich … befanden. Dabei waren auch noch … Diese Personen haben nun meine Einrichtungsgegenstände demoliert und zerstört, die Fenster eingeschlagen. Ich war derart aufgeregt, dass ich genaue Einzelheiten nicht mehr schildern kann. Ich saß weinend im Hof. Ich hörte von anderen Juden, dass die vorerwähnten Personen auch bei Ihnen gewesen seien und Zerstörungen vorgenommen hätten … Ich verblieb in der Wohnung. Meine Schwägerin, ihr Vater und das Kind blieben bei mir. Diesen wurde die Scheuer an der Kreuzgasse abgebrannt, was der … und der … gemacht haben sollen. Bei meiner Schwester hat der … mit einem Beil die ganzen Möbel zerstört … Weiter hat der … bei Moritz Roß die Nähmaschine heruntergeworfen und soll auch bei anderen Familien gehaust haben, besonders bei Max Strauss, Metzgerei. Den Schlüssel zur Synagoge hat sich der frühere Bürgermeister Flach von dem Jüdischen Lehrer geben lassen. In der Nacht wurde ich dann im Hause bestohlen. Diejenige Person, die mich bestahl, lebt heute nicht mehr… *) Es muss richtig heißen: 10.11.38. Der November-Pogrom 1938 begann in den meisten Orten bereits am 9.11. und wird deshalb oft mit diesem Datum in Verbindung gebracht. In Groß-Karben fand er definitiv am 10.11. 1938 statt. Moritz Rosenthal, der Ziegenhändler aus der Heldenberger Str. 3, arbeitete inzwischen im Tiefbau in Frankfurt .    Ab Ende 1939 wurde in der Groß-Kärber Bürgermeisterei über die Bekleidungs- bewilligungen eine Personalkarte geführt. „Richard, tu mer nix, in Groß-Karben brennt die Synagoge und mein Haus…“ sagte Moritz Rosenthal zu einem Petterweiler Bauern, der ihn morgens nach dem Pogrom in aller Frühe auf seinem Maisfeld in Petterweil antraf. Moritz Rosenthal hatte sich in der Nacht versteckt, nachdem er von dem Terror des Pogroms und den Verhaftungen hörte und sich deshalb nicht nach Hause traute. Aber auch er wurde in „Schutzhaft“ genommen und vom 12. Nov. 1938 bis 14. Dez. 1938 in das KZ Buchenwald (Häftlingsnummer 26045) verschleppt… Am Abend des 10. November 1938 – zwischen 17 und 18 Uhr – brannte nicht nur die Viehscheune der Familie Seppel Junker (Ecke Heldenberger Straße/Bahnhofstraße), auch die Synagoge wurde angesteckt, nachdem sie vorher ausgeraubt wurde. Zitat: „…in den Abendstunden sah ich eine große Menschenmenge in Richtung Synagoge ziehen. Ich bemerkte bei der Menge einen großen Teil Jugendlicher…. Zitat: „…sah ich, wie der (…) ein Bündel Stroh in der Hand hatte und es ansteckte. Er warf es in das Benzin hinein…“ Zitat: „…Ich bin selbst dabei gewesen als die Synagoge angesteckt wurde. Ich gebe zu, tatkräftig mitgeholfen zu haben an der Zerstörung der Synagoge…“ In den benachbarten Dörfern hatte sich der Terror der Nazis in Groß-Karben herumgesprochen: Zitat: „…Als sich die Nachricht in Petterweil herumgesprochen hatte, machten sich einige mit dem Fahrrad auf den Weg nach Groß-Karben, wurden aber bereits am Ortseingang aufgehalten: `Bleibt da weg, da stinkst!´ - Am Abend gab es auch im Petterweiler Parteilokal Freibier…“ (aus BdP – Bund der Pfadfinder - Spurensicherung: Die Nazizeit in Petterweil vom Arbeitskreis „3. Reich“ der grauen Adler, zusammengestellt von J. W. Diener, August 1982) Pogrom in Rendel Auch im benachbarten Rendel randalierte die „braune Horde“. Bei dem über die Grenzen seines Dorfes hinaus bekannte Metzgermeister Max Grünebaum, er wohnte mit seiner Frau Bertha und seiner verwitweten Schwägerin Kathinka im Gronauer Weg 4, wurde die Einrichtung zerstört und zusammen mit Einmachgläsern auf die Straße geworfen, Bilder der Tochter Else aus dem Rahmen gerissen und zerfetzt… Die „Frankfurter Neue Presse“ am 12.3.2008: (…) Max’ und Berthas Tochter Else wanderte Mitte der 1930er-Jahre nach England aus. Mehrfach bat sie ihre Eltern, ihr zu folgen, diese sahen jedoch zu diesem Zeitpunkt noch keine Notwendigkeit, ihre Heimat zu verlassen. „Hier in meinem Rendel tut mir keiner was“, habe Max Grünebaum gesagt. Davon habe ihm seine Oma Wilhelmine Klotz – „Minchen“ genannt – berichtet, sagt Zeitzeuge Karl Schneider aus Rendel. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 wurde Max Grünebaum von der SA offen angefeindet. Um seine Kunden einzuschüchtern, seien sie beim Besuch der Grünebaumschen Metzgerei fotografiert worden, schreibt Helmut Heide im Artikel „Die Rendeler Juden und ihre Schicksale“ im Karbener Heft aus dem Jahr 1974.                           In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 plünderte die SA vielerorts die jüdischen Häuser und Geschäfte, dabei wurden Wertsachen geraubt, das Inventar zerstört und Möbel auf die Straße geworfen. Auch Familie Grünebaum wurde auf diese Weise gedemütigt. Max, Bertha und Katinka wurden geschlagen, die Scheiben des Geschäfts eingeschlagen, die Polstergarnitur aufgeschnitten und der Inhalt der Federbetten aus den Fenstern auf die Straße geschüttelt. Das perfide Tun nannte die SA „Frau-Holle-Spielen“. Am nächsten Morgen sei Max Grünebaum zu Wilhelmine Klotz gegangen, habe sie um eine Tasse Kaffee gebeten und gesagt: „Minche’ , wenn sich das nicht rächt, dann rächt sich überhaupt nichts mehr und ich glaube an keinen Herrgott mehr“, schreibt Heide. Um in der Anonymität der Großstadt vermeintlichen Schutz zu finden, zog Max mit Ehefrau und Schwägerin im Anschluss an diese Ereignisse nach Frankfurt in die Liebigstraße 38. Dort starb Katinka, kurze Zeit später auch ihre Schwester Bertha am 13. Januar 1939. Max floh ins holländische Utrecht. Von dort wurde er am 28. August 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und drei Tage später ermordet. Einzig die nach England ausgewanderte Tochter Else überlebte den Holocaust (…). Nach dem Pogrom in Groß-Karben Die Einwohner von Groß-Karben wurden am nächsten Tag per Aushang aufgefordert, geplünderte Sachen in der Bürgermeisterei im Degenfeldschen Schloss zurückzugeben   Zitat: „(…) eine Bekanntmachung anschlagen lassen, dass jeder, der jüdische Sachen im Besitz habe, diese ungesehen in das Fenster der Windbahn, die sich in der Bürgermeisterei befindet, hineinwerfen sollte (…)“ Zitat: „(…) sind auch tatsächlich Sachen eingeworfen worden, was sich jüdische Frauen zum Teil abgeholt haben (…)“ Zitat: „(…) der Rest wurde der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ zur Verfügung gestellt (…)“ Die “Windbahn” Nicht nur den Schaden selbst, sondern auch deren Beseitigung, mussten allein die Opfer des Pogroms, die jüdischen Familien, tragen und etwaige Versicherungsansprüche an den Staat abtreten! Einzelheiten der Schadensregulierungen in Groß-Karben liegen bislang nicht vor. Von Heldenbergen ist jedoch bekannt („Jüdisches Landleben“, von Monica Kingreen, Cocon Verlag), dass die jüdische Gemeinde sogar für den Abriss der Synagogenruine und Abfuhr des Schutts aufkommen musste. Aufräumarbeiten am Kreuzeck: Hier stand die Scheune des Viehhändlers Seppel Junker die zusammen mit der Synagoge am 10. November 1938 angezündet wurde. Verschleppung der jüdischen Familienväter Noch am Abend des Pogromtags, am 10. November 1938, brachten SA-Mitglieder die jüdischen Familienväter aus dem „Obdachlosenasyl“ in das  Spritzenhaus (Gefängnis) in der Östlichen Ringstraße, wo sie mit Peitschen geschlagen wurden. Zwei Tage später, am 12. November 1938, wurden sie (sehr wahrscheinlich in zwei Transporten mit dem LKW, zusammen mit je etwa 30 weiteren Männern aus dem Raum Friedberg) in das KZ Buchenwald verschleppt, dort gedemütigt, bestohlen und misshandelt, um ihre Ausreise zu erpressen… Im ganzen Land wurden nach dem Pogrom etwa 30 000 jüdische Männer verhaftet und in die KZs Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. “Jedem das Seine”, dieser zynische Spruch stand am Eingangstor des KZ Buchenwald. Austellungsexponate zum  KZ Buchenwald >hier  Unter den etwa 10 000 Männern, die in das KZ Buchenwald kamen, waren aus Groß-Karben: Josef Junker, Heldenberg. Str.1    >bis 15. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25222) Moritz Rosenthal, Heldenberg. Str.3    >bis 14. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 26045) Adolf Hirsch, Wilhelmstraße 16    >bis 15. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25905) Julius Ross, Bahnhofstraße 24    >bis 01. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25236) Hugo Junker, Bahnhofstraße 34    >bis 16. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25237) Moritz Grünebaum,** Bahnhofstr. 6*    >bis 12. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 29275) Heinr. Grünebaum, Bahnhofstr. 51*    >bis   8. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25238) aus Okarben: Adolf Kahn Hauptstraße 55*    >bis 14. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25 941) Hans Grünewald Großgasse 1*    >bis 03. Feb. 1939 (Häftlingsnummer 26230) aus Burg-Gräfenrode: Alex Kirschberg, Freihofstraße 1     >bis ?                   (Häftlingsnummer 25226) Willi Löwenberg, Weißenburgstr.1    >bis 15. Dez. 1938 (Häftlingsnummer 25232) * bereits vorher nach Frankfurt/M geflohen ** Moritz Grünewald war schon einmal vom 1.7. bis zum 27.10. 1938 im KZ Buchenwald interniert Quelle: Thüringisches Hauptstaatsarchiv, Weimar Die Verschleppten wurden erst nach Wochen wieder entlassen und auch nur, wenn sie erklärten, einerseits mit der Familie Deutschland umgehend zu verlassen und andererseits absolutes Stillschweigen über den Aufenthalt im KZ Buchenwald zu wahren („…sonst bist du sofort wieder hier…“) Das Fahrgeld für die Rückfahrt (10 Reichsmark) musste vorher bezahlt werden: “Zur Heimreise, Rosel“ steht auf der telegrafischen Überweisung von Frau Rosel Junker (Bahnhofstraße 34) an ihren Mann Hugo im KZ Buchenwald… Nach dem Pogrom in Karben Viele der Juden, die noch in Groß-Karben geblieben waren, verließen jetzt ihr Heimatdorf und flohen in andere Orte, insbesondere Großstädte, vorzugsweise nach Frankfurt/M. Sie hofften, hier unbehelligter als auf dem Land leben und so die NS-Zeit überstehen zu können. Jedoch die, die nicht durch weitere Flucht ins rettende Ausland fliehen konnten, wurden auch hier am neuen Wohnort aus ihren Wohnungen geholt, verschleppt und ermordet. Andere folgten dem Beispiel derjenigen, die in weiser Voraussicht der kommenden Dinge schon vor der „Reichskristallnacht“ dem Deutschen Reich den Rücken gekehrt hatten und flohen von Groß-Karben aus in die USA, nach Südamerika, Südafrika, England, Frankreich, in die Schweiz und in die Niederlande. Manche sind jedoch noch in Holland oder Frankreich im Zuge der Kriegshandlungen von den nationalsozialistischen Häschern eingeholt worden… (Aus: „Zur Geschichte der Groß-Karbener Juden“ von Helmut Heide, erschienen in „Karben – Geschichte und Gegenwart“) Viele jüdischen Familien waren bemüht, zumindest ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Dem Leiter des jüdischen Waisenhauses in Frankfurt, Isidor Marx, gelang es, für 96 Kinder eine Einreisegenehmigung in die Schweiz zu bekommen, weil er erklärte, es gäbe für diese Kinder bereits eine Möglichkeit der baldigen Weiterreise in die USA. Die Nachfrage für diese rettende Reise in die Schweiz überstieg erheblich die vorhandenen Plätze. Deshalb wurden nur Kinder eines bestimmten Alters berücksichtigt, die Waisen waren oder deren Väter in ein KZ verschleppt wurden. Da gleich nach der Pogromnacht der Vater von Ruth Junker, Seppel Junker, Heldenberger Straße 1, und der Vater von Albert Ross, Julius Ross, Bahnhofstraße 20, mit weiteren rund 10 000 jüdischen Männern in das KZ Buchenwald verschleppt wurden, konnten ihre Mütter erreichen, dass sie bei diesem Kindertransport  am 5. Januar 1939 berücksichtigt und damit gerettet wurden. Ihre Familienangehörigen (jeweils Vater, Mutter und eine Schwester) überlebten den Holocaust nicht. Familie Junker wurde mit Tochter Marga nach Minsk verschleppt und ermordet, Familie Ross mit Tochter Ilse nach Kaunas (Litauen) und dort sofort nach der Ankunft erschossen. Ruth Junker und Albert Ross blieben sechs Jahre in mehreren Lagern in der Schweiz und emigrierten 1945 nach Palästina… Auf dem Foto (etwa aus dem Jahr 1930) Ruth Junker rechts, links Schwester Margot)    Der Prozess am 22. Januar 1949 vor der Strafkammer I des Landgerichts in Giessen, in dem 12 Männer wegen Landfriedensbruchs angeklagt waren, endete mit folgendem Urteil: Der damalige Bürgermeister Heinrich Flach erhielt ein Jahr Gefängnis wegen schweren Landfriedensbruchs, weitere vier Mittäter zwischen sechs und vier Monate wegen einfachen Landfriedensbruch. Die anderen sieben Angeklagten wurden frei gesprochen… Zitat: „(…) hat nicht mit ausreichender Sicherheit festgestellt werden können, ob der vom Angeklagten abgerissene Fensterladen auch so zerstört worden ist, dass er zu seinem vorgesehenen Zweck nicht mehr brauchbar gewesen wäre und ferner, ob das Hinauswerfen eines Nachtschränkchen auch dessen völlige Unbrauchbarkeit zur Folge gehabt hat. Wenn die Sachen jedoch nur beschädigt worden sind, entfällt eine Bestrafung nach §125 Abs. II StGB. (…)“ Zitat: „(…) hat sich keines Deliktes aus §125 Abs. II StGB schuldig gemacht, da er ein zerbrochenes, also bereits „zerstörtes“ Glas hinausgeworfen hat, womit er an diesem Glas keine weitere Zerstörung (…) hat begehen können. (…)“ Zitat: „(…) als Folge einer Hirnverletzung (…) sei er auch geneigt, alles, was ihm eingeredet würde, anzunehmen und zu glauben. Wenn ihm jetzt vorgehalten würde, er habe (…) seine Beteiligung an den Ausschreitungen zugegeben und das Protokoll auch unterschrieben, sei das wohl möglich, er habe das aber dann nur getan, um seine Ruhe zu haben. Dem Angeklagten konnte diese Einlassung nicht widerlegt werden (…)“ Zitat: „(…) Da diese Tatsache (…) sich erst im Laufe der Hauptverhandlung herausgestellt hat und nicht mehr Gegenstand einer Anklage wegen Körperverletzung werden konnte, musste insoweit von einer Verurteilung abgesehen werden. (…)“ Gedenkstein am ehemaligen Standort der Synagoge in Groß-Karben Der Gedenkstein in der Heldenberger Straße wurde von der evangelischen Gemeinde Groß-Karben und der „Historischen Kommission“ initiert. <<<<<<<<<<<<< Pfarrer Lotz in der “Wetterauer Zeitung“ am 30.1.1986: (...) Angesichts der Tatsache, dass zu Zeiten des Hitler-Faschismus in dieser Gemeinde eine große Anzahl von Juden gelebt habe und die hiesige Synagoge ebenso wie die anderen in der „Reichskristallnacht“ niedergebrannt worden sei, habe er sich 1981 und 1982 an den Ortsbeirat gewandt, der eine Prüfung zugesagte. Dann habe er eine ganze Weile nichts gehört. 1985 erfuhr er jedoch zu seiner Verwunderung, dass der Gedenkstein bereits aufgestellt worden war… Hinweis: Die Ausstellung „Der Pogrom in Groß-Karben“ fand im Jahr 2008 statt. Inzwischen (im Jahr 2016) wurde vor dem Grundstück eine „Stolperschwelle“ in den Bürgersteig eingelassen. Mehr >hier
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